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Sind koagierende Gruppen die besseren Teams?

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Inhalt:



Warum Teamentwicklung manchmal verpufft – und was oft besser wirkt


«Unser Teamgeist ist einfach nicht stark genug.»


Diesen Satz höre ich ziemlich häufig.


Also wird ein Teamworkshop organisiert. Ein schöner Ort, gutes Essen, echte Zusammenarbeit. Am Nachmittag wird es ehrlich: Zwei Mitarbeitende sprechen endlich aus, was sie schon lange denken. Es wird diskutiert, gelacht, vielleicht fliesst sogar die eine oder andere Träne.


Am Abend gehen alle mit einem guten Gefühl nach Hause.


Und drei Wochen später? Alles wie vorher.


Was ist hier falsch gelaufen?


Ganz ehrlich? Oft gar nichts. Das Problem ist manchmal viel grundsätzlicher. Bei einer Frage, die bisher niemand gestellt hat:


«Seid ihr überhaupt ein Team?»


Nur weil Menschen dieselbe Führungskraft haben, im gleichen Bereich arbeiten oder regelmässig gemeinsam im Meeting sitzen, sind sie noch lange kein Team.


Die Forschung benennt drei Merkmale, die ein echtes Team ausmachen:


  • Ihr habt ein gemeinsames Ziel, das keine einzelne Person allein erreichen kann.

  • Ihr müsst eng zusammenarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen.

  • Ihr reflektiert regelmässig, wie eure Zusammenarbeit funktioniert.


Fehlt eines davon, arbeitet ihr möglicherweise nicht als Team – sondern als Gruppe. Genauer gesagt als sogenannte koagierende Gruppe: Menschen, die Ähnliches tun, im Kern ihrer Arbeit aber unabhängig voneinander sind.


Und jetzt kommt der wichtige Punkt: Das ist überhaupt nichts Schlechtes.


Ein OP-Team braucht etwas anderes als ein Aussendienst-Team


Ein OP-Team ist ein offensichtliches Beispiel für echte Zusammenarbeit.


Die Anästhesie kann nicht einfach ihr eigenes Ding machen, während die Chirurgie unabhängig davon operiert. Die verschiedenen Fachpersonen sind aufeinander angewiesen. Das Ergebnis entsteht gemeinsam – oder gar nicht.


Ein Aussendienst-Team kann hingegen ganz anders funktionieren.


Nehmen wir an, fünfzehn Personen betreuen jeweils ihre eigenen Kundinnen und Kunden. Sie haben vielleicht dieselbe Berufsbezeichnung, ähnliche Ziele und ähnliche Herausforderungen. Aber wenn eine Person heute ausfällt, können die anderen trotzdem weiterarbeiten.


Das macht diese Gruppe nicht schlechter. Sie funktioniert einfach nach einem anderen Prinzip.

Dasselbe gilt für viele Lehrpersonen, Beraterinnen oder Fachspezialisten: ähnliche Aufgaben, ähnliche Herausforderungen, aber relativ wenig gegenseitige Abhängigkeit.


Und genau hier wird es für Führungskräfte spannend


Denn wenn ich eine Gruppe wie ein Team behandle, führe ich es möglicherweise falsch. Die Forschung bestätigt dies sogar: Versuche ich in einer koagierenden Gruppen die ganze Zeit mittels Teamentwicklung die Zusammenarbeit und den Teamgeist zu stärken, führt das nicht selten zu Demotivation und Frustration.


Statt dass sich die Leistung im Team verbessert, verschlechtert sie sich.


Jetzt könnte man sagen: «Okay, dann brauchen diese Gruppen also keine Teamentwicklung.» Ganz so einfach ist es nicht. Auch eine Gruppe von Menschen, die weitgehend unabhängig voneinander arbeitet, braucht Verbindung. Nur entsteht diese Verbindung anders.


Wie fördert man den Zusammenhalt in koagierenden Gruppen?

Ein wichtiger Faktor in koagierenden Gruppen ist voneinander lernen


Vielleicht habt ihr keine gemeinsamen Aufgaben. Aber wahrscheinlich habt ihr ähnliche Herausforderungen. Wenn eine Kollegin einen schwierigen Fall löst, kann ihre Erfahrung für die anderen sehr wertvoll sein.


Eine regelmässige Intervision oder eine kollegiale Fallberatung schaffen einen ganz konkreten Mehrwert: Wir profitieren voneinander, auch wenn wir nicht voneinander abhängig sind.


Gemeinsame Standards statt künstlicher Zusammenarbeit


Eine weitere Frage, die ich Führungskräften gerne stelle: «Wofür steht ihr als Gruppe?»

Nicht als Hochglanz-Leitbild. Sondern ganz konkret:


Was bedeutet bei uns «gute Arbeit»?

Welche Qualitätsstandards teilen wir?

Was ist uns in der Zusammenarbeit wichtig – unabhängig davon, wer gerade eine Aufgabe erledigt?


Das kann enorm verbindend wirken. Denn gemeinsamer Stolz auf die eigene Arbeit trägt oft stärker als persönliche Sympathie.


Offener Austausch und gegenseitige Unterstützung


Kann ich in einer Gruppe eine Frage stellen, ohne mich dafür zu schämen?

Kann ich sagen «Bei diesem Kunden komme ich gerade nicht weiter» und mich von meinen Kolleginnen unterstützen lassen?

Kann ich einen Fehler zugeben – damit wir gemeinsam daraus lernen?

Können wir offen diskutieren und auch mal unterschiedlicher Meinung sein?


Diese Dinge funktionieren unabhängig davon, ob wir gemeinsam an einem Ergebnis arbeiten oder nicht.

 

Nicht jede Gruppe muss ein Team werden


Aber jede Gruppe verdient es, richtig verstanden zu werden.


Du hast am Ende zwei Möglichkeiten:


Entweder: Du stellst echte Zusammenarbeit her, wenn die Aufgabe das tatsächlich verlangt und es dafür einen guten betrieblichen Grund gibt.


Oder: Du akzeptierst, dass deine Gruppe weitgehend eigenständig arbeitet – und schaffst genau dafür passende Strukturen und Formate.


Die schwierigste Variante ist das Dazwischen


Besonders interessant wird es, wenn eine Gruppe versucht, gleichzeitig Team und Einzelkämpfer zu sein. Ein bisschen Zusammenarbeit hier. Individuelle Verantwortung dort.


Und niemand weiss so genau, welche Spielregeln gerade gelten.


«Muss ich das mit den anderen abstimmen?» «Darf ich das selbst entscheiden?» «Ist dieses Meeting wirklich nötig?»«Warum soll ich diese Information teilen?»

Wenn darauf fünf Menschen fünf verschiedene Antworten haben, entsteht Frust. Und dieser Frust wird später vielleicht als «schlechter Teamgeist» bezeichnet.

Untersuchungen von Ruth Wageman mit Technikergruppen bei Xerox zeigen genau diese Problematik: Gruppen mit klaren Verhältnissen funktionierten besser – entweder als tatsächlich voneinander abhängige Teams oder als eigenständig arbeitende Gruppen. Die Gruppen dazwischen schnitten am schlechtesten ab.

 

Wo steht ihr?


Ich habe einen kurzen Selbstcheck entwickelt, mit dem du in fünf Minuten herausfinden kannst, ob du tatsächlich ein Team führst – oder eine Gruppe.


10 Fragen, 3 mögliche Auswertungen und für jede davon 3 konkrete nächste Schritte.


 

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